Annette Viktoria Klarhorst

Vicky

Juni 1965 - August 2013

Vicky war das einzige Kind von Jochen und Ruth Klarhorst. Ihren Vater verlor sie mit 10 Jahren, ihre Mutter starb 2012 an Krebs. Guter Kontakt bestand bis zuletzt zum zweiten Ehemann ihrer Mutter, ihrem Stiefvater ("Väterchen"), an ihm hing sie sehr. Während eines Besuch bei ihm im Oktober 2012 entstand das Foto links.

     
Vicky war ein zartes und musisch begabtes Kind gewesen. Sie bastelte und malte gern. Sie besuchte das Gymnasium und machte Abitur. Die Ausbildung zur Bürokauffrau brach sie rasch ab und begann dann mit Altenpflege, das machte ihr Freude.

Das Seidenbild entstand etwa am Ende der Schulzeit. Vicky freute sich darüber, dass es mir so gut gefiel, und sie machte es mir zum Geschenk.

     
 

Als sie endgültig durch die Abschlussprüfung der Altenpflegeausbildung fiel, geriet sie in eine schwere Krise. Sie schloss sich in ihr Zimmer ein, aß und trank nichts mehr. Sie gab an, Gott wolle sie prüfen, und sie müsse diese Prüfung bestehen. Nach drei Tagen ließ die um das Leben ihrer Tochter besorgte Mutter Vicky in die Psychiatrie einweisen. Damals wurde die Diagnose einer Schizophrenie gestellt.

Ihre Erkrankung verlief nicht schubweise sondern schleichend und chronisch. Bis 2002 lebte Vicky bei ihrer Mutter, danach zog sie in eine kleine Mietwohnung in Detmold. Etliche Behandlungsversuche linderten zeitweise die Symptome, aber sie war und blieb psychisch krank.

     

     
Vicky sah dunkel gekleidete Gestalten und hörte deren bedrängende Stimmen, anfangs sporadisch, später häufiger, dann regelmäßig, zuletzt fast ununterbrochen. Sie war überzeugt, Engel oder Dämonen träten und sprächen zu ihr und verboten ihr zu essen oder befahlen ihr zu sterben. Mit den Jahren veränderte sich ihre Persönlichkeit, sie wurde antriebsarm und verlor das Interesse an ihren früheren Aktivitäten, ihre Gefühle verflachten, und sie wurde übergewichtig. Die behandelnden Ärzte versuchten vergeblich, den Verlauf zu stoppen. Dies misslang auch deshalb, weil Vicky in den letzten fünf Jahren jegliche Veränderungen der medikamentösen Behandlung verweigerte. Sie bestand darauf, dass sie ihren Engeln versprochen habe, nichts zu verändern.  
     

Vicky war einerseits von der Krankheit gezeichnet, anderseits aber auch liebenswert freundlich, sie machte anderen gerne kleine Geschenke, die sie nett einpackte, sie verlieh Geld - auch an Personen, die es selten zurück zahlten. Ihr Äußeres nahm Vicky wichtig, sie färbte sich ihre dichten, ehemals blonden Haare, als diese zu ergrauen begannen. Sie lackierte sich die Fußnägel und benutzte Rosen- und Lemongrasduft. Sie spendete Geld für den Tierschutz, fütterte im Winter die Singvögel und stellte stets frische Blumen ins Wohnzimmer. Jedes Frühjahr besorgte sie blühende Pflanzen für ihren Balkon, und sie freute sich an den Farben und über den Besuch von Schmetterlingen und Bienen.
     
Vicky war zwar psychisch krank aber nicht in allen Lebensbereichen untüchtig. Sie war nicht entmündigt. Ihren Haushalt führte sie selbstständig. Sie überwies ihre Rechnungen und fuhr Auto, dieser Freiheitsgrad war ihr sehr wichtig, auch wenn sie es fast nur vor Ort, immer seltener und am Ende nur noch für Arzttermine und kurze Einkaufsfahrten benutzte, und sie zeigte als Fahrerin ein vorbildliches Maß an Verantwortung: Wenn Sie auch nur das geringste Gefühl hatte, vielleicht nicht sicher fahren zu können, nahm sie ein Taxi. Sie hat niemals einen Unfall verursacht.

Trotz dieser und anderer äußerlicher Beholfenheit fühlte sie sich nicht in der Lage, einer regelmäßigen beruflichen Tätigkeit nachzugehen, nicht einmal stundenweise, was vielen Menschen ihrer Umgebung unverständlich blieb, stand dies doch im Kontrast zu der privaten Eigenständigkeit. Aber jede äußere Aktivität konnte zu vermehrtem Stimmenhören führen. Vicky verbrachte daher die allermeiste Zeit in ihrer Wohnung und schätzte deren Heimeligkeit, sie bezog Sozialhilfe, ihre Mutter gab ihr regelmäßig etwas Kost- und Taschengeld dazu. In Zusammenarbeit mit ihrem Psychiater brachte ihr ein sozialpsychiatrischer Dienst die verordneten Medikamente. Die begleitenden Angebote zu Gruppen- und Freizeitaktivitäten nahm Vicky fast nie wahr.

     
Ich kannte Vicky einige Jahre lang nur vom Hörensagen, denn ich lernte 2003 primär ihre Mutter und Stiefvater kennen und besuchte diese etwa einmal pro Woche. Beide waren verwitwet gewesen und hatten Mitte der Neunziger ein zweites Eheglück gefunden. Anlässlich des 70. Geburtstags der Mutter im Jahr 2006 begegnete ich Vicky erstmals. Als ihre Mutter wenig später an Krebs erkrankte, machte sie sich große Sorgen, dass sie ihre chronisch kranke Tochter und einziges Kind in hilfsbedürtigem Zustand zurücklassen würde. Die vielen teils schmerzvollen Gespräche über nahen Tod und Versorgungsmodalitäten sowie zahllose gemeinsame Beratungstermine ließen unser Verhältnis vertraut und herzlich werden.

Als Freundin der Mutter fühlte ich mich auch ihrer Tochter verbunden, und seit 2009 bemühte ich mich darum, Vicky ein wenig besser kennenzulernen und besuchte sie einige Male, meist gemeinsam mit ihrer Mutter. Nach deren Tod im Mai 2012 wurde ich Testamentsvollstreckerin und Vickys (inoffizielle) Betreuerin und engste Vertraute. Ihr Stiefvater zog in die Nähe seiner Kinder. Aber der Kontakt blieb eng, er und Vicky telefonierten fast täglich. Darüber hinaus hatte sie sporadische Kontakte zu ihren Nachbarn. Ein paar Mal im Leben hat sie sich verliebt, meist behielt sie dies für sich. In ihren Zwanzigern hatte sie mal einen Freund gehabt.

     

Vicky war sich ihrer Einsamkeit manchmal schmerzlich bewusst. Die meiste Zeit aber fühlte sie sich zufrieden, für sich in ihrer Wohnung zu sein. Mit diesem Umstand hatte ich vormals die Mutter zu trösten versucht, die davon überzeugt war, dass enorm leiden müsse, wer in dieser Weise beschränkt und beschäftigungslos lebt. Aber Vicky litt viel eher unter den gelegentlichen Vorwürfen, untätig oder gar unnütz zu sein, als unter dem Umstand des finanziellen Unterstützungsbedarfs. Sie freute sich für die Mutter, dass diese viele Reisen unternehmen konnte, und hob jede ihrer Ansichtskarten auf. In ähnlicher Weise auch selbst mal zu verreisen, hat sie sich nicht gewünscht, zu groß war ihre Angst vor ihren Stimmen.

Einmal überwand sie diese: Im Oktober 2012 fuhren wir zusammen für zwei Tage zu ihrem Stiefvater, darüber hat sie sich gefreut, ein wenig war sie auch stolz auf sich, das geschafft zu haben. Einen später von mir angeregten gemeinsamen kleinen Ferienreiseplan an die Ostsee hat Vicky zunächst freudig aufgegriffen, dann aber verworfen.

     
Den Tod der Mutter zu verwinden, gelang Vicky, und es gab ab Juni 2012 sogar einen kleinen Aufschwung. Sie entwickelte etwas Initiative, sie nahm einige Kilogramm Gewicht ab, kaufte sich modische Kleidungsstücke, ließ ihre Küche in frischen Farben streichen, dekorierte die Wände um, kaufte ein modernes Sofa und bekam eine neue schicke Brille, auf die sie besonders stolz war.

Das zweite Foto zeigt sie frisch zurecht gemacht und aufbruchbereit für ein gemeinsames Essen in einem Restaurant Anfang Juni 2013 nach Überstehen des 1. Todestags ihrer Mutter.

     

     
Ab November 2012 ging es Vicky merklich schlechter, ohne dass ein konkreter Grund fassbar wurde. Ich vermutete den stimmungsdämpfenden Einfluss der kürzer und dunkler werdenden Tage und hoffte auf Besserung spätestens im nächsten Frühjahr. Diese Hoffnung trog leider. Zwar gab es zwischendurch immer wieder einmal recht gute Tage, insgesamt verschlechterte sich Vickys Zustand jedoch unaufhaltsam.  
     

Nicht nur ihre Stimmen wurden lauter und häufiger, sie entwickelte die leider typischen Nebenwirkungen der langjährigen Medikation mit Neuroleptika und Beruhigungsmitteln wie Sucht, Schlafstörungen, Angstanfälle, Übelkeitsattacken und Sitzunruhe. Da sie selbst (entgegen meiner Erklärungsversuche) diese Symptome darauf zurückführte, dass ihr die Medikamente nicht mehr ausreichten, also nicht mehr hoch genug dosiert waren, versuchte sie beharrlich, mehr davon zu bekommen, und die schon vorher bestehende Sucht verschlimmerte sich. Weil der Psychiater sich verantwortungsbewusst gegen diese Entwicklung zu stemmen versuchte und weitere Dosiserhöhungen ablehnte, griff Vicky in ihrer Bedrängnis zuweilen zu heiklen Mitteln.
     
Einmal fuhr sie nachts mit dem Taxi in die Nachtambulanz einer Psychiatrie, ließ sich stationär aufnehmen und ging anderntags gegen Unterschrift wieder nach Hause. Wiederholt hat sie den notärztlichen Dienst gerufen, dem jeweils Diensthabenden die Dauermedikation verschwiegen, und ihn oder sie dazu bringen können, ihr weitere Tabletten zu verschreiben. Sie nahm alle Beruhigungs- und Schlafmittel, derer sie irgendwie habhaft wurde, auch mehrere Tabletten auf einmal. Zweimal erlitt sie dadurch einen stundenlangen Gedächtnisverlust, so dass ihr Psychiater, der darüber vom sozialpsychiatrischen Dienst informiert wurde, von der Wochenausgabe der Medikamente abweichen und tägliche Austeilung, zuletzt gar eine Viermal-am-Tag-Vergabe, anordnen musste.

Wenn Vicky mir derlei hinterher beichtete, hatte sie ein merklich schlechtes Gewissen und nahm meine Mahnung zerknirscht entgegen. Ich ahnte allerdings, dass sie der Gefahr einer Missstimmung zwischen uns zunehmend ausweichen würde, und dass sie mir längst nicht von jeder dieser Aktionen erzählte. Weder wollte sie mich enttäuschen noch aber auch von mir kritisiert werden. Vicky verteidigte sich damit, dass sich niemand vorstellen könne, wie schlimm sich diese lauten Stimmen mit ihren Untersagungen oder negativen Forderungen anfühlten. Natürlich hatte sie damit recht.

Wenn man sie fragte, wie sie ihre chronische psychische Krankheit überhaupt ertrüge, meinte Vicky, es sei zwar alles wirklich sehr schwierig für sie, aber das mit der Krankheit sei ein früh entstandener und nie korrigierter Irrtum seitens der Mediziner, denn sie sei "gar nicht schizophren" sondern hätte im Gegenteil sogar eine besondere Gabe, indem sie Engel und Dämonen sehen und hören könne. Und es sei eben ihr Schicksal, dass Gott sie für die nicht bestandene Prüfung mit der lebenslangen Gegenwart von schreienden Dämonen bestrafe.

     
Ende Juli, während der Urlaubsreise, erreichte mich eine SMS von Vicky, dass sie "jetzt sterben" müsse, ihre Nerven seien "offen". Ich rief sie an und konnte sie wieder beruhigen. Nach meiner Rückkehr, Anfang August, bat sie mich, so bald wie möglich zu kommen, ich müsse für sie einkaufen, sie schaffe dies nicht mehr. Über diesen weiteren Verlust an Selbstständigkeit war ich besorgt.

Am frühen Abend des Montags, 12. August, besuchte ich sie zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit, wieder hatte ich vorher für sie eingekauft. Vicky wirkte vergleichsweise stabil, und wir sprachen über alles Mögliche. Sie sagte, das nächste Mal werde sie vielleicht wieder selbst einkaufen gehen, und ich war erleichtert. Beim Abschied erwähnte sie beiläufig einige alltägliche Verrichtungen, die sie andertags erledigen würde, z.B. ihre Blumen fertig umtopfen, und sie müsse noch ein Geschenk zur Post bringen, damit es pünktlich einträfe. Zum Abschied umarmte sie mich herzlich, wie immer. Nichtsahnend fuhr ich nach Hause.

     

Das Folgende wurde mir zwei Tage später von Polizeibeamten und Mitarbeitern des psychiatrischen Diensts erzählt: Am Morgen des Dienstags, 13. August, als eine Mitarbeiterin der Diakonie wie jeden Morgen klingelte, um Vicky den ersten Teil der Tagesmedikation zu bringen, öffnete diese nicht, was sofort Verdacht erregte. Vicky hatte praktisch noch nie nicht geöffnet, da sie ja immer dringend auf ihre Medikamente wartete. Die Polizei wurde verständigt, man fand sie im Bett liegend, friedlich, wie schlafend. Am Bett standen zwei fast leere Flaschen mit hochprozentigem Alkohol. (Ich war immer froh gewesen, dass Vicky so vorsichtig war, nie Wein, Bier oder gar Liköre zu trinken. Zusammen mit ihren Medikamenten war Alkohol ab einer gewissen Menge eine potentiell tödliche Mischung, das wusste sie seit langem, und wenn sie mal Lust auf Bier hatte, kaufte sie stets eine alkoholfreie Sorte).

Eine Broschüre mit Bestattungsinstitutsanzeigen lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Vicky hatte meine Visitenkarte auf einen Zettel geklebt. "Bitte benachrichtigen Sie:" hatte sie dazu geschrieben. Portmonnaie, Postschließfach-, Keller- und Haustürschlüssel waren gekennzeichnet und lagen griffbereit. EC-Kartengeheimzahl und Facebook-Kennwort waren auf einem Notizzettel beigefügt. Der Eindruck von Sorgfalt und bewusster Entscheidung.

     
     

Ob sie den Suizid bereits vor unserem letzten Treffen geplant und mich durch den Verweis auf noch zu Erledigendes "strategisch" in Sicherheit gewiegt hatte?

Oder waren in der Nacht die Stimmen unvorhergesehen so fordernd geworden, dass sie ihnen Folge leisten musste?

Vicky hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, ich werde es nie erfahren.

     
     

Eines ist mir ein Trost: Unerschütterlich glaubte Vicky daran, dass sie nach dem Tod als Gesunde ins Paradies kommen und ihre Eltern wiedersehen würde, darauf freute sie sich.

 

Ich wünsche ihr, dass sie an dem Ort, an den sie glaubte, angekommen ist.

     
     

 

 

 

Dr. Dorothea Böhm, letzte Änderung 29.8.2013