Rentenkommentar


In der jüngsten Zeit mehren sich die Petitionen gegen sinkende Renten. Es werden offene Briefe an Nahles oder Schulz verfasst, im Anklage-Tenor: „Ich habe 50 Jahre gearbeitet und ins Rentensystem eingezahlt, wieso werde ich im Alter nur eine sooo kleine Rente beziehen...?!“  

Es sollte sich jetzt endlich mal herumsprechen: Unser Rentensystem funktioniert generationen-umlagefinanziert! Das heißt: Keiner zahlt seine Beiträge für die spätere eigene Rente „ein“, und deswegen kann hinterher auch niemand Geld "heraus" bekommen. Die Rentenbeiträge werden gewissermaßen "in Echtzeit" verbraucht, will sagen: Damit werden die jetzigen Alten finanziell versorgt.

Zukünftige Renten hängen von der Berufsleistungskapazität der Folgegeneration ab, und die ist in nicht unerheblichem Ausmaß abhängig von der Zahl der zukünftigen Erwerbstätigen. Und wer sind die? Die Kinder von heute! Eine stabile umlagefinanzierte Rente hat eine Gesellschaft nämlich nur, wenn ihre Demografie stabil ist. Voraussetzung dafür ist eine Geburtenrate von 2,0 – 2,2. (Lange Zeit war das in Deutschland gar kein Problem. Viele Drittweltländer kämpfen heute sogar mit dem gegenteiligen Effekt, weil sie deutliche höhere Geburtenraten haben, die Sterblichkeit zurückgegangen ist und ihre Bevölkerungszahl schnell ansteigt).

Noch im Jahr 1957 schien in Deutschland die Mehrkindfamilie das Standardlebensmodell zu sein, sie war so üblich, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (selbst 7-facher Vater) den berüchtigten "Kinder-bekommen-die-Leute-doch-immer"-Irrtum beging und  einen folgenschweren "Geburtsfehler" des Rentensystems verursachte. Der sog. Schreiber-Plan sah die Solidarfinanzierung aller derjenigen vor, die sich nicht aus eigener Kraft versorgen können (entweder nicht mehr oder noch nicht), und das sind die Alten und die Kinder. Die Altenrente wurde damals eingeführt, die Kinderrente wurde von Adenauer gekippt. Er wurde vor den Folgen gewarnt, aber schlug dies in den Wind. 60 Jahre lang, bis zum heutigen Tag, haben seine Nachfolger diesen Fehler nicht korrigiert. 

Familien leiden unter

1. Diebstahl, 2. Demütigung, 3. Ausbeutung

 

1. Bestohlen werden Familien durch das a) Renten- und b) Steuer- und Sozialabgabensystem.

a) Finanziell wurde die Altenversorgung gesellschaftweit aufgeteilt (sozialisiert) während die Kinderversorgung Privatsache (der Eltern) blieb. Damit versorgen Menschen mit Kindern zwei Generationen, während Menschen ohne Kinder nur für eine Generation aufkommen müssen. 2005 veröffentlichte das ifo-Institut im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung einen 200-seitigen Forschungsbericht ("Die fiskalische Bilanz eines Kindes im deutschen Steuer- und Sozialsystem"), dessen Zusammenfassung in Zahlen so lautet:  Jedes Kind ist ein Geschenk für die Renten- und Sozialversicherung. Die Schenkenden sind die Eltern, vor allem die Mütter.

Sofern das "Geschenk" Kind selbst später kinderlos bleibt , beträgt der "Geschenkwert" 42.800 Euro, bei statistischen 1,5 Kindern liegt dieser Wert bei 76.900 Euro, und wenn das Kind später statistische 2,1 Kinder in die Welt setzt, steigt sein "Geschenkwert" auf 109.600 Euro (nachzulesen online, auf PDF-S. 21 von 199).

b) Eltern müssen auf alles, was sie für die Versorgung ihrer Kinder einkaufen (Wohnraum, Heizenergie, Strom, Wasser, Essen, Kleidung etc.), Steuern entrichten (Mehrwert-, Energie- und andere Steuern). Familien werden also steuerlich so behandelt, als ob jedes Kind, auch das allerkleinste Baby, ein mindestens durchschnittliches Einkommen erzielte. Das Kindergeld ist keine großzügig gewährte Leistung sondern eine Teilrückzahlung der zuviel entrichteten Steuern. (Sozialrichter Jürgen Borchert nannte es "Rückgabe von Diebesgut"). Dass Kinder ein Gewinn sind, gilt für jede Kategorie außer dem Geld. Finanziell lohnt es sich, kinderlos zu bleiben.  


2. Gedemütigt werden Mütter durch den Feminismus à la Schwarzer

Alice Schwarzer verhalf Frauen in den 70er Jahren zwar in verdienstvoller Weise zu Gleichberechtigung, ignorierte aber die Bedürfnisse von Schwangeren, Stillenden und selbsterziehenden Müttern, vielleicht, weil sie selbst ein uneheliches, von ihrer Mutter verstoßenes, großeltern-erzogenes Kind gewesen war. Schwarzer berief sich unter anderem auf Simone de Beauvoir, die rundheraus abgelehnt hatte, Müttern Geld für Erziehungsarbeitsleistungen zuzumessen, weil sie ahnte, dass sich dann viel zu viele Frauen für die Familienerziehungsarbeit entscheiden würden (Zitat). Beauvoir bevormundete ihre Geschlechtsgenossinnen noch ganz offen, heute macht man das finanziell, und damit man den Lenkungsdruck nicht bemerkt, wird das "Wahlfreiheit" genannt, zeitgenössisches Neusprech (mit schönem Gruß von Orwell).


3. Ausgebeutet werden alle Menschen, die innerfamiliäre Arbeit in Teil- oder Vollzeit leisten 

Die Lohnlücke zwischen innerfamiliär- und außerhaus geleisteter Fürsorge-Arbeit liegt bei strammen 100%. Das Politmotto "Gutes Geld für gute Arbeit" gilt nur, wenn man anderer Leute Kinder erzieht und fremde Alte pflegt. Innerfamiliärarbeit wird zwangsehrenamtlich geleistet. Rein theoretisch soll ein alleinerziehendes Elternteil vom Verdienst in Höhe 0,00 Euro den Lebenshaltungsbedarf der eigenen Kinder bestreiten. Toll! 
Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg drückte es im März 2015 in einem Interview mit der Wirtschaftwoche so aus: "In der derzeitigen Praxis werden Kinderlose privilegiert und damit der Gleichheitsgrundsatz verletzt. Auf diesem Feld haben wir keinen Rechtsstaat mehr".

Fazit
:
  • Die Entscheidung zu Kindern wird finanziell bestraft.
  • Die Entscheidung zu Kinderlosigkeit wird finanziell honoriert.
  • Die Demografie ist nicht "im Wandel", sie wird systematisch beschädigt.
  • Die umlagefinanzierte Rente wird aktiv vernichtet.


Innerhalb nur einer (unserer!) Generation wurde die Kinderzahl halbiert. Insbesondere die Mehrkindfamilien, in den 60iger Jahren eher Regel als Ausnahme, schrumpfte zu einer vom Aussterben bedrohten Art. Die Familien- und Rentenpolitik ist die Krankheit, zu deren Heilung sie sich erklärt.

Die Entscheidungsträger der Gesellschaft wurden regelrecht antifamilial unterwandert, teils linksideologisch, teils fossilfeministisch, teils wirtschaftschauvinistisch. Über das gesamte Farb- und Ausrichtungsspektrum haben die Parteien eine Ideologiefront gegen Familien hochgezogen, und dessen scheinen sie sich teilweise gar nicht bewusst zu sein, denn nur so erklärt sich, dass eine SPD-Familienministerin im Brustton der Überzeugung das entwicklungspsychologisch fahrlässig verfrühte Auseinanderreißen der Mutter-Kind-Dyade (Ausbau der U3-Betreuung) ernsthaft für "Familienförderung" hält!

Selbst meine politischen Hoffnungsträger, die Grünen, die ich viele Jahre lang gewählt habe, weil sie wie ich die Biosphäre schützen wollen und der Artgerechtigkeit verpflichtet sind, behandeln Gelbbauchunken inzwischen mit mehr Respekt vor (und Ahnung von) den arteigenen Bedürfnissen als Mütter mit Kleinkindern. Eine blamable Grüne Rolle rückwärts, denn spätestens ab 1986/7 hätte man familienpolitisch echte Avantgarde sein können, weil es damals eine Gruppe grüner Frauen gab, die weibliches Selbstbewusstsein, legitime Mütteranliegen und natürliche Kinderbedürfnisse in einem Müttermanifest zusammenfassten, dessen Inhalt super ins genuin-grüne Parteiprogramm gepasst hätte. Mehr als 25 Jahre später, im Oktober 2013, versuchte abermals eine Grüne, ihre Partei mit einem offenen Brief wachzurütteln. Wieder vergeblich. (Derzeit sind die Grünen für mich unwählbar, und ich bin traurig darüber).


Die Familienfeinde haben weiter aufgerüstet und greifen mit alter und neuer Propagandalyrik in die verbale Trickkiste der Demagogie. Und wir, die Wählerschaft? Statt die Urheberschaft der malignen Umdeutungen ("Herdprämie"), irreführenden Beschönigungen ("Wahlfreiheit") und frei erfundenen fake-news ("frühkindliche Bildung in U3-Bertreuung) per Abwahl in der Versenkung verschwinden zu lassen, konnte die Demagogenkaste uns, die Wählerschaft, so gründlich manipulieren, dass einige Menschen, und nicht nur chauvinistische Männer sondern sogar intelligente Frauen, erheblich mütter- und damit frauenfeindliche Denkstörungen und antifamiliale Wahrnehmungsdefizite entwickelt haben, lesen Sie es selbst:

(Twitter-Fundsache)

10Jahre nach der "Familienoffensive" - Altlast von macht endlich Schluss mit der Daheimbleibprämie


Ein IQ-Problem scheidet hier als Grund aus, Rothe-Beinlich hat Abitur und Studium. Genauso wenig kann es der Mangel an Mutter-Erfahrung sein, denn sie hat 4 Töchter. Wer, wenn nicht sie, weiß, wieviel echte Arbeit mit der Erziehung und Versorgung von Kindern verbunden ist. Wie um Himmels Willen konnte sie bloß so etwas "zwitschern"?!  Mit Fakten und Logik ist es unerklärbar, es muss eine andere Ursache haben:

Wahrscheinlich ist Rothe-Beinlich (wie viele andere) vom medial vervielfachten Demagogie-Trommelfeuer regelrecht umnachtet: Der Begriff "Arbeit" wird absurder Weise nur noch auf Außerhaustätigkeiten angewendet. Jede innerfamiliäre Fürsorge-Arbeit, sogar wenn sie wie bei Rothe-Beinlich für 4 Kinder, bei Vollzeit-Erziehenden ganzjährig und ganztags (und mit kranken Kindern auch schon mal rund um die Uhr), in 7-Tage-Woche, mit zeitweiligen Nachtschichten, und in aller Regel ohne Urlaubsanspruch und Freizeitausgleich, geleistet wird, schrumpft rhetorisch zu: "Babypause", "Erziehungsurlaub", "Familienzeit" und "zu-Hause-bleiben". Die mit der familiären Kindererziehung verbundenen für die Gesellschaft (und die Rente!) existentiell bedeutsamen Arbeitsleistungen werden nicht nur geschrumpft, sie werden regelrecht "kastriert". Orwell lässt grüßen.  

Das Resultat? Es gibt erstaunlich viele Frauen, die sich als innerfamiliär-vollzeitarbeitend Erziehende für verblödete Schmarotzer halten, die ihrem Mann (oder der Gesellschaft) "auf der Tasche liegen", und die überzeugt sind, dass sie erst dann (wieder) wertvoll und den Männern ebenbürtig sind, wenn sie zur unentgoltenen Innerfamiliärarbeit einen bezahlten Außerhausjob addieren (Neusprech: "Vereinbarkeit"). Und damit diese "doppelwhoppernden" Frauen nicht merken, dass sie ausgebeutet werden, muss die beziehungs-, gesundheits- und lebensglück-gefährdende Doppelbelastung zum "Wunsch" erklärt werden:  O-Ton Schwesig: "Mütter wollen arbeiten". (Orwell ist ein Waisenknabe dagegen!)

  • Kein Wunder, dass Erstgebärende immer älter werden.
  • Kein Wunder, dass freiwillige Kinderlosigkeit immer häufiger wird.
  • Kein Wunder, dass uns der Renten-Crash droht.

(Wer übrigens meint, die Familienpolitik weiter als De-facto-Kinderzahlreduktionspolitik laufen lassen zu können, weil der Schwund der Rentenbeitragszahler ja ab sofort durch geflüchtete Menschen ausgeglichen werde, ist vollends von allen guten Geistern verlassen, denn viele der von Terror und lebensgefährlichen Fluchtsituationen Traumatisierten brauchen selbst erstmal jahrelang Zeit und Geld für die Überwindung der Traumata sowie für Spracherwerb und Ausbildung).  

Schluss mit dem Gejammer! Wer sich (wie unsere Generation) jahrzehntelang dazu bringen lässt, den offensichtlichen Zusammenhang von Kinderzahl und umlagefinanzierte Rente zu verkennen, muss halt im Alter mit viel weniger Geld auskommen als es jetzigen Rentenempfängern (als Eltern der geburtenstarken Jahrgänge) zur Verfügung steht - und wir sollten das verdammt nochmal mit etwas mehr Würde tun! Halt, stopp, es gibt tatsächlich eine Möglichkeit zur Verbesserung der Rentensituation: Wir könnten freiwillig 1020 Jahre kürzer lebenaber für diese Option sind die meisten von uns irgendwie nicht zu begeistern....  



Vorschläge für eine Familienpolitik, die diese Bezeichnung verdient und das umlagefinanzierte Rentensystem stabilisieren wird:

1. Schließung der 100%-Lohnlücke zwischen außerhaus  und innerfamiliär verrichteter Fürsorge-Arbeit, z.B. über eine angemessene monatliche Kindergrundsicherung (Kinderrente). Die Betreuungssubventionierung kann gänzlich entfallen, denn alle, die ihr Kind betreuen lassen möchten, haben die finanziellen Mittel, um das zu bezahlen, indem sie Kind plus Kinderrente in die Betreuungsgeinrichtung bringen.

2. Ersatz des Ehegattensplittings durch ein Fürsorgegemeinschaft-Splitting. Wer andere Menschen finanziell mitversorgt, dessen Einkommen sollte durch die Zahl der Versorgten geteilt und dann erst besteuert werden. Ein solches pro-sozial ausgerichtetes Splitting-Modell sollte allen Lebensgemeinschaften gewährt werden, die langfristig angelegt sind und auf liebevolle Verbindlichkeit, Fürsorge- und  Verantwortungsbereitschaft  basieren: Klassische Familien, Eineltern-, Adoptiv- und Pflegefamilien, unklassische Familien bestehend z.B. aus erwachsenen Geschwistern ggf. und deren Kindern, oder auch Enkel, die mit Großelternteilen leben, ferner gemeinsam lebende und wirtschaftende Wahlfamilien, etc..

3. Angemessene Altersversorgungsansprüche für alle in Vollzeitarbeit selbsterziehenden Elternteile, denn es ist nicht einzusehen, dass Mütter zu jeder Zeit im Leben finanziell schlechter gestellt sind als kinderlose Frauen mit gleichrangiger Ausbildung. Wir sollten Mütter schon deswegen finanzgerecht behandeln, da es später nur ihre, der Mütter, Kinder sind, die die Altersversorgung für uns alle erwirtschaften werden.


Zusammengefasst: Zur Rettung der Rente brauchen wir gerechte finanzielle Gleichstellung von Kinderlosen und Eltern.


Weiterführende Links:
Deutscher Familienverband
Verband kinderreicher Familien in Deutschland e.V.
Elternklagen.de
Für Kinder - Wir machen uns groß für die Kleinen

 

Epilog (mit Sarkasmusalarm)

Es wäre rentenmäßig fatal, wenn wir immer junge Frauen von Mutterschaft abschreckten, indem wir sie finanziell benachteiligen. Die Zahl der Alternativen für eine ausreichende Zahl zukünftiger Rentenbeitragszahler ist nämlich begrenzt: Weder fallen Kinder vom Himmel, noch leisten Männer bisher auch nur einen Bruchteil der ja inzwischen eigentlich selbstverständlichen 50%-Quote am Anteil der Schwangerschaften und Geburten, es ist nicht zu fassen, wie unbelehrbar die Herren sind!  - Wo sind die Gleichstellungsbeauftragten, wenn man sie mal wirklich braucht...?! 

 

Dr. Dorothea Böhm, Am Alten Dreisch 32b; 33605 Bielefeld

Erstellt 24.4.2017,  letzte Bearbeitung: 29.4.2017